SYSTEMGEDANKEN- ANGST, MEIN NEUER BESTER FREUND?

Kennt mich jemand schon länger, kommt derjenige an einer Konversation mit mir nicht vorbei: lasse ich mich zu sehr formen? Bin ich schon dadrin, in den Schubladen in die ich nicht reinwill, in die ich aber auch alle anderen stecke? Und wie komme ich da verdammt nochmal wieder raus? Im Ernst, auch ich gehöre oft, sogar ziemlich oft, zu den Beurteilern und Zweiflern, wenn ich mich doch so gerne selbst als Herausforderin sehen würde. Wie ein kleines Kind halte ich an Gedanken und Gewohnheiten fest, nicht imstande sie aufzugeben, oder ein kleines Stück loszulassen. An der kindlichen Tugend, die ich von kleinauf so lobenswert ganz weit nach oben hielt. Und ich wurde gelobt. Für meine Zurückhaltung, meine Manieren und meine Anpassungsfähigkeit. Aber nicht für meine Strahlkraft. Nicht für meine Meinung. Und nicht für meinen Mut.

In der 8.Klasse spielten wir im Deutschunterricht ein Kennenlernspiel. Jeder sollte zu seinem Namen ein Adjektiv seiner Wahl addieren, das ihn bestmöglich beschrieb. H. sagte: "H. der Haschischmann." Ich sagte: "Miriam die Mutige." Alle lachten. Außer ich. Danach tat ich vieles um gemocht zu werden. Lachen wenn es die anderen taten, Sneaker und viel zu viel Make-up tragen. Mehr Freunde hatte ich dadurch nicht. Ich war einfach nur Teil eines großen Ganzen, in dem wir alle mehr oder weniger gut unsere Rolle spielen, in dem uns die Meinung derer die uns umgeben wichtiger ist als unsere Eigene. Selbsttäuschung nennt man das glaube ich. Vielleicht aber auch Ich-Angst, weil ich ja gar nicht wusste wer ich eigentlich bin und sein wollte und wie ich den Teil den ich so lange in mir versteckt gehalten hatte rausholen konnte. Und ob der da überhaupt noch rauswollte. Im Laufe der Zeit hat man Begegnungen die die Angst oft vordergründig schüren, und ich hatte viele Situationen und Menschen vor denen ich gerne weggelaufen wäre. Das habe ich, muss ich zugegeben, auch leider oft getan. Damit tust du dir allerdings nur kurzweilig einen Gefallen, du gehst in die Vermeidungshaltung. Aber so läuft das nicht. So funktioniert das hier alles nicht. Man kann sich Tage, Monate und noch viel viel länger verstecken und das wird auch klappen, versprochen. Vermeiden und Ignorieren gehen gerne Hand in Hand. Jeder von uns weiß aber auch, dass mich der Andere eben doch sieht, auch wenn ich mir selbst die Hände vor die Augen halte. Darum lass das hier ein Plädoyer sein. Ein Plädoyer für mehr bewusste Angst im Leben, und damit meine ich nicht die Angst, die uns davor abhält, zu impulsiv und rasch zu handeln, denn die ist richtig und gut, und trägt eine Palette an Farbfacetten in sich die wichtig sind und uns warnen. Ich meine die Angst vor Neuem, weil sie mich kurz innehalten lässt an meiner Startlinie. Die Angst davor, Situationen immer und immer wieder zu begegnen, weil sie meinem Herz sagt, dass ich etwas ändern muss. Die Angst, die eigentlich Mut ist: nicht alles zu schlucken was mir vorgesetzt wird, infrage zu stellen, zu prüfen, zu überlegen, mich nicht überreden zu lassen. Weil das das Wichtigste ist was wir hier haben: die Intuition, das Bauchgefühl, und die Reise zu, aber vor allem mit uns selbst. Lasst uns nicht vergessen dass wir es umarmen können, dieses blöde Gefühl, das wir alle zu gut kennen, aber das uns so wach hält, uns wachsen und reifen lässt. Ich will Angst haben dürfen, denn es ist oft unmöglich immer sofort das Gesamtbild zu sehen, und ich will mit ihr arbeiten, denn das müssen wir tun wenn wir vom Zweifler zum Herausforderer werden wollen. 

Angst ist überall. Das Hinterhältige an ihr ist, dass sie auf dich wartet und zur selben Zeit an jedem Ort sein kann. Du weißt es eben einfach nicht. Du weißt nicht wo sie gerade mit ihren Beinen baumelt, manchmal siehst du sie erst gar nicht. Das Gute an ihr ist, dass sie oft sehr berechnend handelt, das macht sie angreif- und überraschbar. Wenn du dich traust, springst du über sie hinweg bevor sie zuschnappt. Wann hast du dich das letzte Mal so richtig lebendig und bewegt gefühlt? Ich bin mir sicher, genau DA bist du gesprungen! 

MOOD-SONG: JAMES BAY- LET IT GO