Modeln in Istanbul- stell dich selbst infrage!

Falls dich deine erste Modelerfahrung ins Ausland nach Istanbul führen sollte, musst Du alles was Du bis jetzt übers Modeln zu wissen glaubtest über Bord werfen, und Dich am besten hinterher. Denn hier in der Türkei ist vieles- anders. Schließ kurz die Augen. Was hast Du für eine Vorstellung von Istanbul, was kommt Dir in den Sinn wenn Du jemanden den Namen dieser Stadt sagen hörst? Welche Bilder entstehen in deinem Kopf? 

Hier einige Begriffe die bei mir aufploppten bevor ich hierher kam:

Basar, 1001 Nacht, Farben, Gerüche, Händler, Moscheen, Orient, Brücke nach Asien, Hotspot, Islam, orientalische Klänge, ob es hier wohl auch so viele Dönerbuden gibt wie in Berlin? Hast Du dich in dem einen oder anderen wiedergefunden?

Ich schreibe hier aus einem Apartement in Levent- klein, dunkel, fast kein Tageslicht, aber sauber. In meinem Zimmer, das ich mir zum Glück nur mit einem Mädchen teile stehen 2 Hochbetten auf ca. 15m², es gibt noch ein anderes Zimmer mit drei weiteren Betten. Wir wohnen zusammen mit unserem Agenturchef, besser gesagt, wir leben in seiner Wohnung.Das war zu Anfang und ja, ist noch immer irritierend. Ich möchte mir nicht vorstellen wie es wäre wären alle Betten belegt; so sind wir momentan nur zu dritt und das ist ok.

 Ich trinke Kräutertee den mir ein Mädchen aus Russland vor vier Wochen beim Abschied überlassen hat. Ich vermisse sie. Und das ukrainische Model das vor zwei Wochen gehen musste. Überhaupt ist es erstaunlich welche Freundschaften ich hier schließen konnte, glaubt man den Erfahrungberichten so vieler die eher Horrorgeschichten von geklautem Essen/Schuhen/Schlüppis bis hin zu Mobbing und eiskaltem Konkurrenzkampf gleichen. Davon habe ich hier wenig bis nichts mitbekommen, wir schauen zusammen Harry Potter und kreieren immerneue Gerichte aus dem immergleichen Essen im Kühlschrank. Unser Bad ist rosa. 

Mit dem chaotischsten und irrsten Verkehr auf diesem Planeten machte ich gleich bei meiner ersten Fahrt durch die Stadt Bekanntschaft. Ich hatte schon oft gehört wie crazy und verstopft hier alles sei, von den Menschen die mitten auf der Autobahn stehen und Wasser verkaufen (verdienen die Geld damit?) und acht Stunden Autofahrt für drei Castings. Nur soviel, es stimmt alles. Apropos Castings- mir entfährt ein kleiner Seufzer, eine Mischung aus hörbarem Schmunzeln und Fassungslosigkeit wenn ich an meine erste Castingwoche hier denke.  

Dress up- Casting mal anders

Frage: Wie gehen Models zu einem Casting/Gosee? Ich hatte vorsorglich fast nur schwarze und weisse Tanktops, dunkle Leggins und Jeans, eine Lederjacke und einen Schal eingepackt. Noch ein paar Longsleeves. Meine Vorstellung: Figurbetont aber keine Colourexplosion oder zuviel Schmuck- das normale Castingoutfit eben. Falsch gedacht! In Istanbul ist mehr mehr- solange es nach unserem Boss ging. Nach endloser Diskussion in Kindergartenenglisch (es ist erstaunlich wie viele auch gerade sehr junge Menschen hier gar kein Englisch sprechen) einigten wir uns schließlich darauf, zweimal die Woche ein Kleid und die anderen Tage unsere freie Outfitwahl zu tragen. Die Kunden hier sehen es gerne wenn die Mädchen wie Partygirls zum Casting erscheinen. Wo bleibt da die Vorstellungskraft frage ich mich? Nur ein einziges Mal fragte mich ein Fotograf, warum ich Make-up aufgelegt hätte, ich war so baff dass ich stumm blieb. Wir fuhren zu allen Castings, egal ob ausschließlich Blondinen oder Asiatinnen gefragt waren, vielleicht überlegte es sich der Kunde ja doch nochmal anders, stünde man erst mal vor ihm. Wurde man nicht gewählt dann natürlich weil man- richtig!- kein Kleid trug.;) Mit dem Auto ist es wie bereits oben erwähnt von 7 Uhr morgens bis 19 Uhr abends fast unmöglich voranzukommen, die Leute werden zu rücksichtslosen Tieren und jeder ist sich selbst der Nächste. So verbrachten wir an normalen Werktagen locker 7-8 Stunden im Auto um zu geschätzt vier bis fünf Castings zu fahren, manchmal auch zu siebt in einem Auto das für fünf Personen konzipiert war. Seid Ihr nicht bei den zwei führenden Modelagenturen vor Ort die auch für Vogue, Harpers Bazaar etc. buchen, nehmt eine radikale Selbsteinschätzung vor bevor ihr das Flugzeug betretet und hierherfliegt. Und los. Habt ihr Kleidergröße 34? Seid ihr dünn? Habt ihr Körbchengrösse A-B? Denkt Ihr jetzt bingo,yeah, alles erfüllt!? So wie ich? Leider alles Nieten. Düdüm. Gardemaß ist hier Größe 38 (perfekte Größe, viele Designer nähen aber nunmal für Größe 34-36, nicht in den falschen Hals bekommen!:)) und große Brüste. Konnte ich leider nicht erfüllen, und das bekamen meine ukrainische Modelkollegin und ich auch immer wieder zu spüren. Blicke, Kommentare, unser Boss der mir unverblümt Silikonbrüste empfohl und mir zuhause den ganzen Tag nur noch Weissbrot auf den Tisch stellte.

Für mich, die kein Fleisch isst war es oft eine Herausforderung etwas tolles, sattmachendes zu finden, war man unterwegs. Zuhause hatten wir zwar Verpflegung von der Agenur, diese bestand jedoch generell aus Tomaten, Gurken, billigem weissem Käse und Brot. Hatte die Agentur gerade mal genug Geld um allen pocket money zu zahlen konnte man sich natürlich selbst verpflegen. Oder dann eben aus der eigenen Tasche. Eine meiner Kolleginnen weigerte sich Gast einer TV Show zu sein, die ich persönlich als nicht förderlich für ein Model halte. Mit ihr wurde nicht mehr geredet, sie bekam kein Geld mehr und ihre Mutteragentur musste ihr den rettenden Heimflug aus der eigenen Tasche bezahlen, da Ignoranz ganz oben auf der Degradierungsliste stand.Ich selbst war drei Monate dort und warte noch auf 2/3 meines Geldes und meinen Handgepäckskoffer den mein Boss wahrscheinlich an seine Nichte oder so verschenkt haben muss denn er war auf einmal nicht wieder auffindbar. Mysteriös. Ich spreche hier wie gesagt von meiner Erfahrung mit einer neuen Agentur in Istanbul, natürlich kann man das nicht pauschalisieren, nur rate ich jedem zur Vorsicht.

Mittlerweile bin ich seit knapp zwei Wochen wieder in Deutschland und ich habe viele Dinge wertschätzen gelernt die ich vorher leicht übersehen habe da sie, immer da, normal geworden sind. Alltag. Wasser aus dem Wasserhahn trinken/benutzen zu können, das vielfältige Essensangebot, schlendert man durch die Berliner Kieze, das Lachen und Teilen von Erlebnissen mit Menschen die man liebt und die einen zurücklieben. Freiheit. Ich bin sehr glücklich wieder hier zu sein.

Was ich lieben gelernt habe:

 soooo viele Katzen auf den Straßen ;), Lokum, vom Muezzin geweckt werden, Granatapfelsaft, den Grand Bazaar, ja,wirklich,die Gerüche, die Weite und das Atmen am Bosporus, der Platz zwischen Hagia Sophia und Blauer Moschee,

 Mavi Jeans sooo günstig ("Mavi" ist übrigens türkisch und das Wort für die Farbe "blau".) :) Türkisch ist mir leider nach wie vor sehr fremd, und ich persönlich finde es auch ziemlich schwer mir einige Begriffe die über das alltägliche "Hallo, wie gehts?" hinausgehen zu merken. Und das obwohl ich Sprachen studiert habe und das eigentlich gewohnt bin.

Was mir am meisten fehlte:

enge Freunde/mein Freund, Avocados, richtiger Hartkäse am Stück (den gibt es zwar, allerdings zu Wucherpreisen), mehr U-Bahn Stationen, Parks, Bäume, Grün, Imbisse abseits von Döner und Co., vernünftig bezahlte Jobs, Mülleimer.

Was mir fremd war:

Wasser in kleinen Trinkkartons. Hatte ich vorher noch nie gesehen. Man zieht an einer Lasche wie bei einem Joghurt und muss dann wohl oder übel alles austrinken. Immer noch seltsam.

Was ich gelernt habe:

Informiere Dich gut über Agenturen und Kundenwünsche bevor Du hierher kommst! Sprich am besten mit jemandem der schon vor Ort war.

Sei geduldig was die Herangehensweise an Dinge, Arbeit und Organisation angeht.

Nimm nichts persönlich (das solltest Du auch woanders nicht!). ;)

Lass Dich nicht zu sehr umformen (mir hat man Silikonbrüste ans Herz gelegt, ich bleibe lieber ich) ! Bleib stark!

Wähle keine türkischen Agenturen die eine Farbe in ihrem Namen tragen, nur ein Tipp;)

Genieß die Stadt, sie hat wirklich unheimlich viel zu bieten, von Geschichte, Architektur, Tradition, Shopping bis zu ganz ruhigen Orten inmitten all des Trubels. Geh sooft raus wie möglich, höre und guck Dich um, das klingt wie die einfältige Reiseweisheit eines Weltenbummlers, aber es macht Dich wirklich reicher und auch stärker wenn Du abends angepflaumt wirst warum ein Schokoriegelpapier in deinem Zimmer liegt und was eigentlich der ganze Müll soll.

Geheimtipp: Café Privato Nähe der Istiklal Caddesi Richtung Galata Tower in einer Seitenstraße, cozy wie in Omas Wohnzimmer und nicht so überfüllt.

  Für Muslima-Shoots war ich gut gebucht. Obwohl ich mich zuerst an den Zwiebellook und die Posen gewöhnen musste fand ich es super mit ungestylten Haaren shooten zu können. Das hat uns eine Menge Aufwand und Zeit erspart. Auch die Sorgfalt und den Aufwand den viele muslimische Mädchen/Frauen ihrem Make-up widmen hat mir imponiert. Ich bin was das angeht leider unglaublich faul und wünsche mir nichts lieber als eine Schminkdusche (wie diese Bräunungsduschen, eben nur mit Make-up!). Mit diesem Kunden hier arbeitete ich am liebsten. Das Team war einfach grandios, super unkompliziert, und beim ersten Job spielten sie Rammstein für mich- gefreut hab ich mich trotzdem. :) Ich muss gestehen, ich persönlich mochte das Gefühl beim Tragen dieser Kleider sehr. Ich fühlte mich elegant und mir gefiel das Experimentieren mit Stoffen und Überwürfen. Die Technik, die Haare so hochzubinden und zu befestigen dass alles schön an Ort und Stelle bleibt und keine Haarsträhne entwischen kann, hat mich, die schon Probeme hat einen Dutt "haltbar" zu machen, ziemlich beeindruckt. Macht man das jeden Morgen ist man natürlich geübt und es geht ratzfatz- ein Traum. Würde mich jemand vor die Wahl stellen ob Kleid oder Hose, würde ich wie aus der Pistole geschossen "Hose!" rufen, aber hier habe ich das Mädchen in mir gefunden. Andere Aufträge waren meist Kataloge oder Broschüren. Hier liegt auch der Fokus bei den Jobangeboten in der türkischen Metropole, sogenannte Webshootings oder Kataloge für Bikinis/Bademoden und Kleider sowie Brautmode sind das Hauptgeschäft.

Für mich war/ist Istanbul mehr Reise als Aufenthalt.